Die Begegnung mit dem Tod

Vor langer Zeit ging eines Abends ein Bauernbursche zu seiner Liebsten, die in einem Bergbauernhause im Ennstal bedienstet war, fensterln. Auf halbem Wege sah er den Tod mit geschulterter Sense langbeinig den Berg herabkommen. Der Tod begrüßte ihn mit dem Spruch: "Gelobt sei Jesus Christus!" Doch der Bursch gab keine Antwort und sagte nicht, wie das die Leute nach einem solchen Gruß zu tun pflegen: "In Ewigkeit, Amen". Da war der Tod um ein Stück größer geworden.

Wieder 'sagte der Tod denselben Gruß, doch der Bursche gab abermals keine Antwort. Da wurde der Tod noch um ein Stück größer. Ein dritteschal sagte der Tod den bekannten Gruß, den der Bursch zum drittenmal nicht beantwortete. Da war der Tod augenblicklich zweimal mannsgroß und sagte zum Burschen, er solle nicht hinaufgehen zu seiner Liebsten.

Klappernd ging hierauf der Tod davon. Der Bursche drehte sich um und wollte dem Tod folgen, doch der war verschwunden. Der Bursche befolgte nicht die Mahnung des Klappermannes Tod, sondern ging hinauf zu dem Hause, zu dem er gehen wollte. Als er dort anlangte, zündete man gerade die Sterbekerze an, denn seine Liebste lag im Sterben.

Quelle: Sagen und Legenden von Steyr, Franz Harrer, Verlag Wilhelm Ennsthaler, Steyr, 3. Auflage 1980,
ISBN 3-85068-004-5

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