Königsbraut – Gottesbraut

(Eine geschichtliche Legende)

Das Admonter Frauenkloster – von dem wir vorhin erzählten – erfreute sich wegen seiner frommen, hochgebildeten Nonnen eines so ausgezeichneten Rufes, daß Angehörige aus den vornehmsten Adelsgeschlechtern ihre Töchter den Admonterinnen zur Erziehung anvertrauten. Mancher davon gefiel es in Admont so gut, daß sie den Schleier nahm und sich als Nonne ganz Gott weihte. Die Vornehmste unter ihnen war wohl Sophie, die Tochter König Belas II. von Ungarn. Sie sollte mit Heinrich, dem erstgeborenen Sohne des mächtigen Stauferkönigs Konrad III., verwählt werden. Mit einem wahrhaft königlichen Brautschmuck und einer fürstlichen Ausstattung zog die jugendliche schöne Prinzessin aus dem weiten Ungarlande nach Deutschland. Unterwegs erhielt sie die Weisung, im Admonter Frauenkloster Aufenthalt zu nehmen, sich dort auf die Hochzeitsfeierlichkeit vorzubereiten und die Ankunft ihres Bräutigams zu erwarten. So kam die ungarische Königstochter Sophie nach Admont und fand gastliche Aufnahme bei den Nonnen. Da erkrankte aber Heinrich, ihr königlicher Bräutigam plötzlich und starb nach wenigen Tagen. Schweren Herzens überbrachte Gottfried, der damalige Abt von Admont, der jungen Prinzessin die Kunde vom Tode ihres Bräutigams. Tiefe Trauer senkte sich in die Seele der Fürstenbraut. In den Wäldern der Admonter Berge weinte sie sich in ihrem Schmerz aus. Einsam trauernd irrte sie einen ganzen Tag umher, bis sie am Abend erschöpft an einem Felsen niedersank. Unsagbar schön lag zu ihren Füßen im stillen Abendfrieden das Admonttal mit dem Doppelkloster Sankt Benedikts, so schön, wie sie es noch nie gesehen hatte, zum Trost für ihre wunde Seele.

Plötzlich, so erzählt die Sage, erblickte sie am Himmel ein goldenes Kreuz, das sich langsam niedersenkte und in einem wunderbaren Glanze über dem Klostergebäude schwebte. Sophie sah in diesem Kreuze ein Zeichen des Himmels und beschloß, von nun an im Admonter Frauenkloster dem göttlichen Bräutigam als Nonne zu dienen. Hier hatte sie so viel Gastfreundschaft und Wohlwollen gefunden, daß ihr das Admonter Frauenkloster als ein Ort der Gesittung und Kultur, als ein Lustgarten erschien, den ihr nun Gott in so auffallender Liebe zu einer neuen Heimat gab. Sophie, die ungarische Prinzessin, die Königsbraut, weihte sich nun im Admonter Frauenstift als Gottesbraut. Da unterdessen auch ihr blinder Vater gestorben war, meinten ihre Verwandten man wolle Sophie gewaltsam in Admont zurückhalten. Daher schickte ihr Bruder, der nun als König Geis II. in Ungarn zur Regierung gekommen war, eine Gesandtschaft, begleitet von bewaffneten Rittern und Kriegern nach Admont, um die Prinzessin wieder in die Heimat zurückzuführen.

Staunen ergriff die Bewohner, als eines Tages die königliche Gesandtschaft in Admont eintraf. Neugierig kamen die Leute aus den Höfen und Häusern herbei. So feurige, reich geschirrte Pferde, soviel vornehme Menschen in so prächtigen, mit Perlen und Edelsteinen besetzten Kleidern, pelzverbrämten Mänteln und federgeschmückten Hüten hatten die Admonter noch nie gesehen, eine solche Sprache nie gehört. Ja, manche bekreuzigten sich sogar beim Anblick dieser Fremden in Angst und Furcht.

Vor dem Kloster machte die Gesandtschaft halt. Dann zog sie feierlich vor das festverschlossene Tor des Nonnenklosters. Abt und Mönche hatten sich unterdessen in zwei Reihen vor dem Klostereingang aufgestellt. In der Mitte standen die Männer der ungarischen Gesandtschaft mit ihren bewaffneten Kriegern. Viel Volk umgab sie. In spannender Neugierde wartete man auf die königliche Prinzessin. Wie wird sie sich entscheiden? Wird sie wieder in ihre ungarische Heimat mit der Gesandtschaft zurückkehren? Oder wird sie im Admonter Nonnenkloster verbleiben? Frei sollte sich Sophie äußern. Der kluge Abt Gottfried wollte den Ungarn zeigen daß man die königliche Prinzessin nicht gewaltsam gegen ihren Willen im Kloster festhalte; andererseits wollte er auch nicht zulassen, daß man Sophie mit Gewalt wieder aus dem Kloster fortschleppe. Darum wurde sie nun zur freien Willenskundgebung vor die fürstliche Gesandtschaft gerufen. Sophie sprach zuerst ein Gebet zur Gottesmutter und zum hl. Blasius und flehte um Hilfe und Schutz, dann setzte sie ihren Fuß über die Klosterschwellen und schritt aufrecht, hinter ihr die betenden Nonnen, zu den königlichen Gesandten, die sprachlos bei ihrem Anblick dastanden und ihr die herrlichsten Geschenke, Kleider und fürstlichen Schmuck aus ihrer Heimat anboten. Voll innerer Freiheit und frei jedes äußeren Zwanges zeigte sich Sophie in aller Freundlichkeit. Sittsam verneigte sie sich gegen die Fürsten der Gesandtschaft, dankte für alles und nahm von ihnen für immer Abschied. Mit dem Lobgesang „Die Herrschaft der Welt und allen Schmuck der Zeiten hab‘ ich verschmäht“ kehrte sie wieder in die geweihten Klostermauern des Admonter Frauenstiftes zurück. Darüber waren alle tief ergriffen. Sophie, die ehemalige Königsbraut, blieb in der liebgewordenen Klosterzelle Admonts und beschloß ihr Leben im Nonnenkleid als Gottesbraut.

Quelle: Admont und das Gesäuse in der Sage; DDr. P. Adalbert Krause O.S.B. Professor in Admont; Oberösterreichischer Landesverlag Ges.m.b.H., Linz; ohne Jahresangabe

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