Die Steinröschen von der Drachenwand
Oberösterreich

Marie war wohl die schönste und reichste Bauerntochter in der Umgebung des Mondsees. Das machte sie so eitel, dass ihr kein Bursch gut genug schiene, ihr Mann zu werden.

Eines Tages bat sie auch der arme Toni, ein starker und hübscher Bursch aus Scharfling, sie möge doch seine Frau werden. Das Mädchen hatte jedoch keine Lust, einen Habenichts zu heiraten, auch wenn er ihr gut gefiel, und lehnte seine Bitte kurzweg ab. Der Bursch gab aber seine Hoffnung deshalb noch nicht auf, und nachdem einige Wochen vergangen waren, bat er sie abermals um ihre Hand. Doch diesmal sagte sie übermütig; „Ich heirate nur einen Mann, der mir die Steinröschen für den Brautbuschen von der Drachenwand herunterholt.“

Da blickte Toni beklommenen Herzens nach der Felswand des Drachensteins, die weiß und gewaltig in den blauen Himmel emporragte, und erwiderte: „Es ist bisher noch keinem gelungen, die Wand zu erklettern, doch wenn du mit versprichst, dein Wort zu halten, will ich es versuchen.“

„Was ich gesagt habe, gilt!“ sprach Marie, dann kehrte sie ihm den Rücken und ging ihrer Arbeit nach.

Am frühen Morgen des folgenden Sonntags machte sich Toni auf den Weg zur Drachenwand. Während er die Straße hurtig dahinschritt, zur Linken die steilen Wälder, zur Rechten den spiegelnden See, da dachte er nur noch an das schöne Mädchen, aber nicht mehr an die Gefahr, die ihm drohte.

Gleich hinter dem Fischerdörfchen Blomberg bog er von der Straße ab. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis er den Fuß der Bergwand erreichte und den Aufstieg begann. Tritt um Tritt und Handgriff um Handgriff kletterte er durch schmale Rinnen und Kamine und über vorspringende Felsgesimse so hoch empor, dass die Häuser in der Tiefe bald nur noch wie Kinderspielzeug und die Berge rings um den See wie Hügel aussahen.

Zur selben Zeit aber gingen viele Männer, Frauen und Kinder in ihrem Sonntagsstaat von Scharfling nach Sankt Lorenzen in die Kirche. Plötzlich blieb einer der Männer stehen, wies nach einer Stelle an der Drachenwand und rief den andern zu: „Seht doch, dort oben klettert einer!“
Jetzt hielten auch die anderen Kirchgänger inne und suchten mit ihren Blicken den verwegenen Kletterer. Als auch sie ihn sahen, stockte ihnen fast das herz. Er war so klein wie ein Punkt und hing zwischen Himmel und Erde. Da kam aber auch schon Marie des Weges, blieb bei den entsetzten Männern und Frauen stehen und sagte, herzlos lachend: „Das ist Toni! Ich hab ihn hinaufgeschickt, damit er mir Steinröschen für meinen Hochzeitsstrauß herunterhole.“

Darüber waren die Leute so empört, dass sie das Mädchen ein grausames Ding schalten und ihm wünschten, dass Gott es für seinen Übermut strafen möge. Die Burschen aber, die das Mädchen bisher umworben hatten, wandten sich zornig von ihm ab. Sie dachten nur noch daran, Toni so rasch wie möglich zu Hilfe zu kommen.

Noch ehe sie aber ihr Vorhaben ausführen konnten, zog ein Wölkchen die Bergwand entlang, und als es vorüber war, war von Toni keine Spur mehr zu sehen.

Erste einige Tage später wurde er, mit einem Sträußlein blutroter Steinröschen in der erstarrten Hand, am Fuß der Drachenwand aufgefunden und noch am selben Tag in sein Heimatdorf zurückgebracht.

Als ihn Marie tot auf dem Wagen liegen sah, da packten Reue und Verzweiflung sie so sehr, dass sich ihr Geist umnachtete. Sie fühlte sich als seine Braut und redete nur noch von ihrer Hochzeit mit ihm.
Noch Jahre später konnten die Leute sehen, wie das Mädchen im weißen Brautgewand am Gestade des Mondsees umherirrte; immer wieder stehenblieb und hinauf zur Drachenwand blickte. Eines Tages aber schwemmten die Wellen des Sees die tote Marie bei Scharfling ans Ufer.

Quelle: Alpensagen; Max Stebich; Verlagsbuchhandlung Julius Breitschopf jun.; 1958

© digitale Bearbeitung Norbert Steinwendner, St. Valentin, NÖ.

 

 
designed by © Norbert Steinwendner, A 4300 St. Valentin